Drei Materialien, die sich schlecht benehmen
Zucker, Holzcompound und Biokunststoff im Werkstattversuch — mit Rezeptur, Temperaturführung und den Proben, die gerissen sind.
Werkstoffe, die sich vorhersehbar verhalten, sind für die Fertigung angenehm und für den Entwurf langweilig. Interessant wird es dort, wo ein Material ein enges Verarbeitungsfenster hat, richtungsabhängig arbeitet oder sich unter Wärme chemisch verändert, statt nur weich zu werden. Wir haben drei solche Kandidaten über mehrere Wochen im Werkstattmaßstab durchgetestet: Zucker als gießbaren Feststoff, ein holzgefülltes Filament als Extrusionsmaterial und einen Biokunststoff auf Stärkebasis als Alternative zu Standard-PLA. Alle drei sind grundsätzlich brauchbar. Alle drei haben uns Proben zerstört, und in jedem Fall war der Ausfall lehrreicher als der gelungene Durchgang.
Zucker: gießen, bevor er sich zersetzt
Saccharose schmilzt nicht im Sinne eines Thermoplasts. Sie zerfällt. Ab etwa 160 °C beginnt die Karamellisierung, also eine Kette chemischer Reaktionen, bei denen sich Farbe, Viskosität und Geschmack laufend ändern — und mit ihnen die optischen Eigenschaften. Wer ein transluzentes Zuckerobjekt gießen will, arbeitet gegen die Uhr in einem Fenster von vielleicht vier Minuten.
Unsere brauchbarste Rezeptur bestand aus 300 g Kristallzucker, 90 g Glukosesirup und 75 ml Wasser. Der Glukosesirup ist kein Beiwerk: Er unterdrückt als Störmolekül die Rekristallisation, ohne die die Masse beim Abkühlen milchig aufblüht statt glasklar zu erstarren. Erhitzt wird bis 152 °C, gemessen mit einem Einstichfühler mittig in der Masse, nicht am Topfrand. Danach folgt eine Ruhezeit von etwa 40 Sekunden, damit eingerührte Luft aufsteigt. Gegossen wird in eine Silikonform, die zuvor auf rund 60 °C vorgewärmt wurde.
Die Vorwärmung war die entscheidende Erkenntnis, und sie stammt aus einem Reihenausfall. Unsere ersten sieben Güsse in raumtemperierte Formen rissen alle innerhalb von zwei Stunden, jeweils von einer Kante aus. Zucker hat eine sehr geringe Bruchzähigkeit und einen thermischen Ausdehnungskoeffizienten, der beim Übergang in den glasartigen Zustand stark springt. Eine kalte Formwand zieht die Randschicht schneller zusammen als den Kern und legt damit eine Zugspannung an die Oberfläche — genau dorthin, wo Zucker am wenigsten aushält. Mit vorgewärmter Form und einer Abkühlrampe von etwa 8 K pro Stunde bis 40 °C überstanden neun von zwölf Güssen die erste Woche.
Das zweite Problem lässt sich nicht wegkonstruieren: Hygroskopie. Zucker zieht Luftfeuchtigkeit an. Bei 55 Prozent relativer Feuchte wurden unsere Probekörper innerhalb von zehn Tagen an der Oberfläche klebrig und verloren an Klarheit. Eine dünne Schellackschicht verzögert das auf etwa sechs Wochen, verhindert es nicht. Ein Zuckerobjekt ist damit kein dauerhaftes Bauteil, sondern eines mit definierter Lebensdauer — was gestalterisch interessant sein kann, wenn man es als Eigenschaft behandelt und nicht als Mangel.
Holzcompound: Schwund mit Vorzugsrichtung
Holzgefüllte Filamente bestehen typischerweise aus einer PLA-Matrix mit 20 bis 40 Prozent Holzmehl. Sie versprechen Optik und Haptik von Holz bei der Verarbeitbarkeit von Kunststoff. Was sie tatsächlich mitbringen, ist eine Kombination aus beiden Problemklassen.
Die Partikel wirken als Störstellen in der Schmelze. Bei 0,4-mm-Düsen kam es in unserer Reihe nach durchschnittlich 14 Stunden Druckzeit zu Teilverstopfungen; mit einer 0,6er verschwand das Problem praktisch vollständig. Gedruckt haben wir bei 205 °C — deutlich niedriger als bei reinem PLA, weil Holzmehl ab etwa 230 °C sichtbar verkohlt und die Düse dann innerhalb weniger Minuten zusetzt. Der Fluss muss dabei um rund 5 Prozent erhöht werden, weil das Compound eine geringere Dichte hat als die reine Matrix.
Der eigentliche Ärger beginnt nach dem Druck. Holzmehl ist hygroskopisch, und zwar mit einer Vorzugsrichtung: Die Partikel liegen durch den Extrusionsprozess überwiegend längs zur Bahn ausgerichtet, quellen aber quer zur Faser stärker. Ein Bauteil aus Holzcompound arbeitet also anisotrop. Wir haben zwölf identische Rahmen mit 200 mm Kantenlänge gedruckt, sechs mit Bahnen längs der langen Seite, sechs quer. Nach vier Wochen bei schwankender Raumfeuchte maßen wir bei den quer gedruckten Rahmen eine mittlere Längenänderung von 0,41 Prozent, bei den längs gedruckten 0,17 Prozent. Zwei der Querrahmen hatten sich sichtbar verzogen, einer war an einer Ecke aufgerissen.
Für Bauteile mit engen Passungen ist das disqualifizierend. Für Objekte, bei denen ein Millimeter auf 200 keine Rolle spielt, ist Holzcompound dagegen ein außergewöhnliches Oberflächenmaterial: Es lässt sich schleifen wie MDF, nimmt Beize an und verliert dabei den Kunststoffglanz vollständig. Wir haben Proben mit Körnung 180 und anschließend 320 geschliffen und mit wasserbasierter Beize behandelt — das Ergebnis ist von einem gefrästen Holzteil aus einem Meter Abstand nicht zu unterscheiden.
Biokunststoff auf Stärkebasis: die unzuverlässige Schmelze
Der dritte Kandidat war ein stärkebasiertes Compound, das als kompostierbare Alternative zu PLA angeboten wird. Auf dem Papier ähnliche Kennwerte, in der Praxis ein deutlich schmaleres Fenster.
Das Kernproblem ist Chargenstreuung. Wir haben drei Spulen aus unterschiedlichen Produktionen verarbeitet und für jede eine eigene Temperaturkalibrierung fahren müssen: 188 °C, 196 °C und 201 °C für dieselbe Bahnqualität. Bei einer einheitlich eingestellten Temperatur von 195 °C lieferte Spule eins glänzend-überextrudierte Bahnen mit Fadenzug, Spule drei matte Bahnen mit unzureichender Schichthaftung. Eine Zugprobe aus Spule drei versagte bei 19 MPa, dieselbe Geometrie aus Spule zwei hielt bis 31 MPa. Das ist keine Materialeigenschaft, das ist eine Prozessunsicherheit — und sie bedeutet, dass jede neue Spule einen Kalibrierturm kostet.
Dazu kommt die Feuchteempfindlichkeit. Stärkebasierte Compounds nehmen schneller Wasser auf als PLA. Eine Spule, die 48 Stunden offen bei etwa 50 Prozent relativer Feuchte lag, erzeugte hörbares Knistern an der Düse und Bahnen mit eingeschlossenen Dampfblasen. Nach acht Stunden Trocknung bei 55 °C war das Verhalten wieder normal. Wir trocknen dieses Material inzwischen grundsätzlich vor jedem Druck und lagern es mit Trockenmittel.
Was die drei gemeinsam haben
Alle drei Materialien scheitern nicht am Verfahren, sondern an der Annahme, sie ließen sich wie ein Standardwerkstoff behandeln. Zucker verlangt eine Temperaturrampe und akzeptierte Endlichkeit. Holzcompound verlangt eine Entscheidung über die Bahnrichtung schon in der Modellierung, weil der Schwund dieser Richtung folgt. Der Biokunststoff verlangt eine Kalibrierung pro Charge statt pro Material.
Das ist mehr Aufwand als bei PETG, aber es ist kein prinzipielles Hindernis. Der Fehler, den wir in dieser Reihe am häufigsten gemacht haben, war, Parameter aus einem gelungenen Durchgang auf den nächsten zu übertragen, ohne die Randbedingung zu prüfen. Bei gutmütigen Materialien funktioniert das. Bei diesen dreien produziert es Ausschuss — und zwar so zuverlässig, dass es sich fast als Testverfahren eignet.
Für die kommende Ausgabe bereiten wir eine Verbundprobe vor: Holzcompound als Deckschicht auf einem PETG-Kern, um die Oberfläche des einen mit der Maßhaltigkeit des anderen zu kombinieren. Die unterschiedlichen Ausdehnungskoeffizienten machen daraus vermutlich ein Bimetall. Genau das wollen wir messen.